Geschichtsfälschung für Fortgeschrittene

Bei Recherchen zur Nationalen Revolution in Ungarn war ich auf das schon 2002 eröffnete Haus des Terrors in der Andrássy út 60 gestoßen. In dem Gebäude, welches einst sowohl den faschistischen Pfeilkreuzlern und später auch dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst als Gefängnis diente, will heute eine Ausstellung an die Opfer der beider totalitären Regime erinnern und dem Besucher das ungarische Leben in diesen Zeiten vermitteln.

Von den umliegenden Gebäuden hebt sich das im Neorenaissancestil erbaute Palais durch seine schwarze Metallleiste unter dem Dach ab. In Spiegelschrift prangert von dort Terror über Budapests Prachtstraße. Den Eingangsbereich schließen zwei Gedenktafeln für die Opfer der faschistischen und kommunistischen Gewaltherrschaft. Ihre Aussage ist unmissverständlich - beides sind die zwei Seiten der selben Medaille und Ungarn ihr Opfer.

TripAdvisor zeichnet das Haus des Terrors mit dem Zertifikat für Exzellenz aus, und das gar nicht einmal zu unrecht. Es ist das wohl bewegendste Museum, welches ich bisher besuchen konnte. Die oft düstere Kulisse sowie die laute Musik fordern mich. Der Weg in den Keller führt über einen sich langsam senkenden Aufzug, Zeitzeugen berichten von Folter und Hinrichtungen, in den Räumen die ich gleich betreten werde. Das Verharren in den Zellen, das Folterwerkzeug, es ist der emotionale Höhepunkt meines äußerst suggestiven Rundgangs. Nach zwei Stunden verlasse ich das Haus, unter dem Eindruck Kommunisten, keine Ungarn, haben dieses Land jahrzehntelang terrorisiert.

Die Faschisten? Lediglich zwei der über zwanzig Räume beschäftigen sich mit den Pfeilkreuzlern, ganz zu Beginn. Längst habe ich das meiste Vergessen, das Grauen des kommunistischen Terrors hat es verdrängt. Die Ausstellung hat ihr Ziel erreicht, die vom Fidesz lancierte Geschichtsklitterung zeigt Wirkung.

Das dieses Museum nicht ohne historisches Vorwissen betreten werden sollte offenbaren mir später auch die Bewertungen auf TripAdvisor. In der FAZ bleibt Ludwig Witzani von den Emotionen die ein Besuch im Haus des Terrors hervorruft nicht unberührt. Unreflektiert und ohne Kenntnisse der Geschichte Ungarns lässt er sich zum Handlanger der neuen Geschichtspolitik degradieren.

Verschwiegen wird, Witzani und allen anderen Besuchern, das autoritäre Regime Miklós Horthys (1920-1944), welcher zunächst mit Benito Mussolini und später auch mit Adolf Hitler paktierte. Das Bündnis mit dem Deutschen Reich ermöglichte es Ungarn einen Teil seiner mit dem Vertrag von Trianon erlittenen Gebietsverluste zu kompensieren, d.h. Nachbarstaaten zu besetzen und zu annektieren. Als Dank beteiligte sich Ungarn mit mehreren hunderttausend Soldaten am Krieg gegen die Sowjetunion und schon vor Kriegsbeginn mit einem staatlich verordneten Antisemitismus.

Die Machtübernahme der faschistischen Pfeilkreuzler im Oktober 1944 läutete schließlich die bis 1989 andauernde Fremdherrschaft über Ungarn ein. Viktor Orbán und sein Fidesz prägen heute eine Geschichtspolitik in der sich die ungarische Nation selbst zum Opfer stilisiert und jede Verantwortung für die Jahre der Besatzung abstreitet. Den Kern des Opfermythos bildet dabei Trianon, der Vertrag der Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes beraubte und drei Millionen Magyaren unter fremde Herrschaft zwang. Die Gründe gleichwohl, namentlich der Große Krieg, die den Vertrag überhaupt notwendig machten, werden in Ungarn bis heute nicht thematisiert. Das Trauma von Trianon fällt somit in der gesamten magyarischen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden und eignet sich hervorragend zur politischen Instrumentalisierung.

Ein Besuch im Haus des Terrors ist dennoch zu empfehlen. Nicht um etwas über die ungarische Geschichte zu lernen. Nein, vielmehr um die ungarische Gegenwart, die ungarische Geschichtsklitterung, zu erleben.

Haus des Terrors
[Offizielle Internetseite]

Verfahren der Anamnesis: Das Haus des Terrors in Budapest
[Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky]

Trianon-Gedenken: Der Opfermythos Ungarns
[Artikel auf Science.ORF]